Die Ausfachung – Lehmbau pur

Ausfachung mit Lehmsteinen und im Stakenbau

Bis zum Herbst sollen die Wände der drei Backhäuser fertig ausgefacht sein. Das sind insgesamt 92 Gefache! Dabei kommen zwei recht unterschiedliche Techniken zum Einsatz.

Mit den etwa 1500 vorgefertigten Lehmsteinen aus den vielen Lehmstein-Workshops werden vorrangig die statisch relevanten Felder ausgemauert. Das sind Gefache, in denen Streben verbaut sind. Die Steine lassen sich zügig verarbeiten und geben, weil sie ja bereits durchgetrocknet sind, sofort eine stabilisierende Struktur. Durch die höhere Dichte haben sie mehr Gewicht als eine „gestopfte“ Füllung. Deshalb verbauen wir sie vorrangig auch in den unteren Gefachen. Ein „Steh-auf-Männchen“ macht deutlich, warum das besser ist.

Ganz wichtig sind die vorher seitlich und oben angebrachten Dreieckleisten. Beim Mauern muss auf den formschlüssigen Anschluss geachtet werden. Der obere Anschluss wird mit Strohlehm fest und sorgfältig gestopft, die Anschlussfugen mit dem Fugeneisen gründlich verdichtet. Holz und Lehm „arbeiten“ bei Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen recht unterschiedlich. Die Dreieckleisten sorgen dabei für festen Halt und Dichtigkeit. Das Mauerwerk springt von außen 10 bis 15 mm zurück, denn später muss ja noch ein Verputz aufgebracht werden, der möglichst flächenbündig mit der Holzkonstruktion sein soll. Dann kann auch Schlagregen gut wieder ablaufen und keinen Schaden durch eingedrungenes Wasser anrichten. Das ist Teil des konstruktiven Holzschutzes, den wir schon bei der Planung fest im Blick hatten.

Die anderen, vor allem die oberen Gefache, werden in der Stakenbau-Technik ausgefüllt. Diese erfordert pro Feld bis zu zehn  aufeinander abgestimmte Arbeitsschritte! Wenn alles ordentlich ausgeführt worden ist, erhält man ein sehr solides und erdbebensicheres Gefach, in dem die Technologie mehrerer Jahrtausende Lehmbau-Erfahrung zum Tragen kommt. Die Staken bestehen entweder aus Haselnussstangen oder gesägten Holzlatten mit einem Durchmesser oder Querschnitt von etwa 35 mm. Wir haben sie an einem Ende mit einem genialen Zapfenschneider bearbeitet. Das geht recht schnell und liefert ein gleichbleibendes Ergebnis von 19 mm-Zapfendurchmesser. Schritt 1: Oben im Gefach werden nun genau mittig im Abstand von etwa 10 cm die 19 mm-Löcher gebohrt. Da werden die Staken hinein gesteckt, angezeichnet, genau auf Länge geschnitten und dann unten zwischen zwei Dreieckleisten mit 60-er Nägeln fixiert. Auch oben und an den Seiten werden nun weitere Dreieckleisten mit Schenkelmaß 25 bis 30 mm angebracht. Sie sorgen umlaufend für die Formschlüssigkeit und Dichtigkeit. Das Zwischenergebnis erinnert irgendwie an die Gitterstäbe eines Gefängnisses – ein Knüppel-Knast.

Schritt 2: Ursprünglich sollten die Staken in diesem Zustand mit Weidenruten ausgeflochten werden. Das wäre sehr traditionell. Aber im Sommer Ruten von ungeeigneter Qualität zu schneiden und in voll belebte Biotope einzudringen war dann doch keine Option und wir haben uns für getrocknetes Schilfrohr entschieden. Das wird zugeschnitten und von außen quer auf die Staken gebunden. Wir haben Heftklammern,  Kabelbinder, Draht und Hanfschnur ausprobiert. Alle Methoden haben funktioniert. Es muss nur alles schön fest sitzen und idealerweise arbeitet man zu zweit, weil 4 Hände einfach besser sind! Vor allem, wenn 2 davon drinnen und 2 draußen an der Verbindung werkeln. Schritt 3: Wenn der Putzträger sitzt, kann direkt die erste Lage Lehmputz aufgezogen werden. Dem Lehm wird etwa 20 % Strohhäcksel zugegeben und mit Wasser zu einem cremig-plastischem Gemisch aufgerührt. Das würde mit einem Zwangsmischer sicher gut funktionieren. Freifall-Mischmaschine und Motor-Rührgerät gehen aber nicht. Wir haben einfach alles von Hand gemischt – und das ging auch richtig gut.

Mit Kelle und Glätter wird die Stroh-Lehmmischung aufgetragen. Wichtig ist, dass mit viel Druck und kreuzweise gearbeitet wird. Einerseits soll sich der Lehm durch das Geflecht hindurch drücken und verankern, andererseits sollen sich die Strohanteile in alle Richtungen legen, um nach dem Trocknen mit dem Lehm eine rissfreie Komposit-Schicht zu bilden. Klingt vielleicht kompliziert, aber mit ein bisschen Übung klappt das wunderbar. Nach ein paar Minuten ist das Gefach wind- und blickdicht. Nach etwa 2 Tagen ist alles trocken und hart und die nächsten Arbeitsschritte können folgen. Wichtig ist, dass jede aufgetragene Schicht duchtrocknen kann. Kleine Trockenrisse, die durchaus „normal“ sind, werden beim folgenden Auftrag wieder geschlossen. Die trockene Oberfläche muss mit einem Sprühgerät oder einem Quast gut angefeuchtet werden, um eine feste Verbindung zur nächsten Schicht zu erhalten!

Der Stopflehm umschließt die Staken und bildet die Gefach-Mittellage

Schritt 4: Nach dem Aushärten der ersten Lage geht es innen weiter. Die noch offen liegenden Staken werden mit Stopflehm umhüllt. Die Mischung besteht aus 60 % Lehm und 40 % 2-fach gehäckseltem Stroh, mit etwas Wasser kräftig durchgemischt. Anfeuchten nicht vergessen! Mit einer Biberschwanz-Kelle oder einfach von Hand werden die Staken damit umhüllt. Die Anschlussfugen zu den Dreieckleisten werden sorgfältig ausgestopft. Zum Schluss wird mit der Glättkelle egalisiert, mit der Kante davon aber wieder leicht abgezogen, damit eine möglichst raue Oberfläche für den Auftrag der nächsten Innenschicht entsteht. Nach 2 bis 5 Tagen sollte die Mittellage bei trockenem Wetter durchgehärtet sein.

Weiter geht es von der Außenseite. Schritt 5: Auf die erste Außenlage wird eine dicke Schicht Stroh-Lehmputz aus 20 bis 30 % Strohhäcksel mit 70 bis 80 % Lehm aufgezogen. Auch hier das gründliche Anfeuchten nicht vergessen! Mit Kelle, Traufel und Glättkelle wird diese Schicht im Kreuzgang aufgetragen. Am Ende sollten 10 bis 15 mm  zurückspringendes Maß übrig bleiben – für den Verputz. Und auch hier hilft ein abschließendes Abziehen mit der Glättkellen-Kante, um eine raue Oberfläche zu erzeugen. Die Anschlusskanten zum Holz noch einmal extra mit einem breiten Fugeneisen verdichten! Trocknet schneller, bekommt kaum Risse und trägt den Putz besser. Je nach Wetter sollte diese Schicht auch nach 2 bis 5 Tagen ausgehärtet sein.

Dann folgt Schritt 6: Innen wird mit der gleichen Mischung und der gleichen Methode wie im letzten Schritt bis 10 mm unter Fertigmaß „aufgefüttert“. Die Gefach-Füllung sollte nun mindestens eine Woche lang durchtrocknen. Bei jedem Auftrag zieht ja auch Feuchtigkeit in die Mittellage. Je dicker die Füllung wird, um so länger dauert schließlich der Trocknungs-Prozess. Geduld ist eben eine unumgängliche Tugend beim Lehmbau. Und die Ergebnisse zeigen, dass sie sich auch auszahlt: Wir mussten bis jetzt noch nichts wieder abreißen!

Die Gefache der Traufseiten in Bodennähe und alle Gefache an den Giebelseiten werden trotz des konstruktiven Wetterschutzes gelegentlich Schlagregen oder Spritzwasser abbekommen. Deshalb erhalten sie einen wasserfesten, mineralischen Putz. Alle anderen Gefache werden, wie auf der Innenseite, einen Lehmputz bekommen, der zum Abschluss mit einer Kalk-Quark-Dispersion gestrichen wird.

Schritt 7: Überall wo Sumpfkalk-Putz aufgebracht werden soll, kommt eine Lehm-Kalk-Spachtelung zum Einsatz. Die leicht unterschiedlichen Material-Eigenschaften von Lehm und Kalk werden in diesem Arbeitsgang zusammen geführt und sorgen für eine bessere Anhaftung und dauerhafte Verbindung von beiden. Die Mischung besteht aus 60 % feinem Lehm ohne Strohanteile, 20 % Sumpfkalk, 15 % rauem Sand mit Kornstärke bis 2 mm und 5 % Hanffaser-Abschnitten – die dienen dem Feuchtigkeitsausgleich und als Mikro-Armierung. Alle Zutaten werden gründlich zu einer Paste angerührt und auf den angefeuchteten Rauputz mit Traufel oder Spachtel 1 bis 2 mm dick aufgetragen. Die Oberfläche zuletzt wieder leicht aufrauen – das gibt den nötigen mechanischen „Grip“. Da diese Spachtelung kalkgebunden ist, reicht hier ein Trocknen nicht aus. Der Kalk bindet erst innerhalb von 10 bis 14 Tagen ab – dann ist er wieder zu Kalkstein mit kräftigen mikroskopischen „Kristallarmen“ geworden und auch wasserbeständig.

Fortsetzung folgt!

 

 

Über Bruno 103 Artikel
Bruno Rischmüller-Affeldt UNkonventionell projektverantwortlicher Mitarbeiter

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